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Estarreja, 1998 Videoloop, 80 sec.

Estarreja basiert auf einem Ausflug einer Arbeitsgruppe der Kunstakademie Lissabon, an der Alexandra Ranner zu diesem Zeitpunkt studierte. Mit dem Zug ging es von Lissabon nach Porto, von dort nach einer Übernachtung wieder zurück. Unterwegs, so lautete die Aufgabe, sollte jeder Student seinen künstlerischen Beitrag präsentieren. Ranners Konzept bestand in einem konsequenten Unterlaufen dieser auf gemeinschaftliches Jetzt und Hier vertrauenden Aktion. Nach Absprache mit einem Kollegen, der maskiert und damit unkenntlich für den Rest der Gruppe auf dem kleinen Bahnhof Estarreja, etwa 300 Kilometer von Lissabon entfernt, auf sie wartete, stieg sie an dem Bahnhof aus, traf sich mit dem für die Gruppe scheinbar völlig fremden Mann und ließ den Zug mit den anderen nach Porto weiterfahren. Als der Zug am nächsten Tag auf der Rückfahrt von Porto wiederum in Estarreja hielt, stieg sie wieder ein, ohne über das Treffen und die Erlebnisse der Nacht ein Wort zu verlieren.
In ihrem Kern handelt diese Arbeit natürlich nicht einfach von der Verweigerungshaltung gegenüber einem Gruppenritual, sondern von der Abwesenheit des Realen als Bedingung für seine emotionale Präsenz. Das Verlassen des Zuges wird zum Riß im Kontinuum des Wirklichen, dessen Unterbrechung aber gerade das imaginative und projektive Potential in Gang setzt, aus dem eine Intensivierung des Wirklichen entsteht. Diese Realitätsverdichtung ist von vornherein an die Etablierung eines erzählerischen Momentes geknüpft, dessen Wirksamkeit stets im Möglichen und nicht im Tatsächlichen liegt. Die Lücke, die durch die körperliche Abwesenheit der Künstlerin entsteht, erzeugt einen Projektionsraum, in dem sich jeder seine eigene Geschichte zurecht träumen kann. Und eben die Tatsache, daß diese Geschichten weder verifizierbar noch falsifizierbar sind, sorgt für ihre anhaltende Persistenz.

(Auszug aus dem Text „Abwesenheit und emotionale Präsenz“ von Stephan Berg, Katalog Karl Schmidt Rottluff Stipendium, 2003, Seite 2)
Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit Eurico do Vale, Kamera: R. Calcada Bastos